Fehlendes Motorgeräusch bei Elektroautos ist doch keine so große Gefahr

Die „lautlose Gefahr“, die von Elektroautos im Straßenverkehr für Fußgänger und Radfahrer ausgeht, ist offenbar weniger gravierend als gemeinhin angenommen. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommt jetzt ein Praxistest, den das Center Automotive Research (CAR) der Universität Duisburg-Essen in Zusammenarbeit mit dem Automobilhersteller Ford durchgeführt hat. In dem Vergleichstest sei nachgewiesen worden, dass moderne Benzinmotoren im Stadtverkehr „nicht weniger oder mehr hörbar sind als Elektroautos“, so das Fazit der Forscher. Die Gefahr, die von Autos ohne Motorengeräusch speziell für Blinde, Sehbehinderte oder Senioren ausgehe, werde daher überschätzt. Bisher ist angenommen worden, dass das Fehlen von Motorgeräuschen bei alternativ angetriebenen Fahrzeugen das Unfallrisiko deutlich erhöht, da Fußgänger gewohnt sind, sich vor allem über das Gehör im Straßenverkehr zu orientieren.

In Zusammenarbeit mit Akustikspezialisten vom Motoren-Entwicklungszentrum des Autobauers in Köln-Merkenich haben die Forscher 240 Versuchsteilnehmer im Alter zwischen 5 und 95 Jahren – darunter auch zahlreiche Schwerhörige und sehbehinderte Menschen – gebeten, die Fahrgeräusche von elf verschiedenen Autos mit Elektro- und Verbrennungsmotor bei stadtverkehrstypischen Geschwindigkeiten zwischen 30 und 40 km/h zu beurteilen. Außerdem sind die Lärmpegel auf der Ford-Teststrecke gemessen worden.

Leisester Benziner im Test waren demzufolge der Opel Agila und der Ford Fiesta, die mit 59 dB und 60,5 dB bei Tempo 30 kaum lauter waren als die Abrollgeräusche des batteriebetriebenen Elektro-Smart mit 58 dB. Auch in der subjektiven Wahrnehmung konnte von den Probanden keine nennenswerten Unterschiede benannt werden. Bei konstanter Geschwindigkeit besteht demnach „im Stadtbereich kein Wahrnehmungsunterschied zwischen modernen Benzin-Fahrzeugen und Elektroautos“. Allenfalls bei „Vollgas“-Fahrten und im Stillstand, etwa an roten Ampeln, gibt es naturgemäß deutliche Unterschiede zwischen völlig lautlosen E-Mobilen und im Leerlauf arbeitenden Ottomotoren. Aber auch dieser Unterschied werde sich in absehbarer Zeit aufheben. Laut den Duisburger Wissenschaftlern ist davon auszugehen, dass über 80 Prozent der in der EU zugelassenen Neuwagen bis 2015 mit Start-Stopp-Systemen ausgestattet sein werden, die den Verbrennungsmotor beim Stillstand des Autos automatisch abschalten.

Der Forderung, E-Mobile mit Hilfe künstlich erzeugter Geräusche besser hörbar zu machen, erteilen die Fachleute daher eine deutliche Absage. Dies wird unter anderem von der UNO befürwortet und von Toyota in Japan beim doppelmotorigen Prius bereits praktiziert. Bis zu einer Geschwindigkeit von 25 km/h werden dabei Fahrgeräusche eines Verbrennungsmotors mit einer Lautstärke von 55 dB imitiert. Der knapp 120 Euro teure Soundgenerator erzeugt immer dann Brummgeräusche, wenn der Prius langsam und rein elektrisch fährt. Die Geräuschkulisse wird laut den Japanern vom Menschen nicht als störend empfunden und kann jederzeit manuell abgeschaltet werden. Nissan hat seinen Leaf ebenfalls mit einem künstlichen Fahrgeräusch ausgestattet. Auch Infiniti will mit einem vom Bordcomputer synthetisch erzeugten Ton sein in Kürze an den Start gehendes Hybridmodell M35h sicherer machen.

Ein Ansatz, der bei den Akustikexperten auf taube Ohren stößt. Einer der großen Vorzüge von Elektroautos, nämlich der Wegfall von krank machendem Verkehrslärm, würde damit „wegreguliert“, meinen die Forscher. „Wir sollten die Ruhe genießen und keine Angst vor zusätzlicher Unsicherheit haben“, so die Empfehlung der Experten. Blinde und Sehbehinderte würden durch spezielle Warnsysteme wie Handy-Apps ohnehin besser geschützt.



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